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| Nach
dem Krieg und vor dem Frieden. Berlin 1945/Berlin 2005 „Und eben war noch Krieg“ – so hieß das Gemeinschaftsprojekt des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen (ABR) vor zehn Jahren. Auch damals konzipierten die Bezirksmuseen Ausstellungen zum Thema Kriegsende und präsentierten in einer gemeinsamen Ausstellung Beispiele aus den Bezirken. Das Gemeinschaftsprojekt
anlässlich der 60. Wiederkehr des Kriegsendes trägt den Titel
„Nach dem Krieg und vor dem Frieden“. Hat sich an der Sichtweise
auf das Kriegsende in den vergangenen zehn Jahren etwas geändert?Die öffentliche Diskussion 1995 kreiste um das Thema „Befreiung oder Zusammenbruch“. Seit 1995 wurde manches anders diskutiert. Erinnert sei an die Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal in Berlin, die Wehrmachtsausstellung, die ganz normalen Täter, den Bombenkrieg und das Thema Vertreibung. Gerade in den letzten Jahren hat es eine Fokussierung auf die deutschen Opfer gegeben. Es könnte der Eindruck entstehen, hier bräche sich etwas Verschüttetes Bahn. Aber ist das wirklich so? Untersuchungen haben ergeben, dass in den Familien die Geschichte des Nationalsozialismus und des Krieges schon immer anders tradiert wurde als in den Schulen, Universitäten und Museen. Diese Familiengeschichten prägen nachhaltiger. Die Teilhabe an der NS-Herrschaft, der Judenvernichtung und am Krieg wurde nur selten thematisiert, in den meisten christlichen und atheistischen deutschen Familien war die Opferrolle selbstverständlich. Familien mit Widerstandsbiographien waren Ausnahmen. Das Leiden am Bombenkrieg, der Verlust Familienangehöriger an der Front, die Massenvergewaltigungen durch sowjetische Soldaten bei Kriegsende, der Verlust der
Heimat: diese Geschichten wurden im Westen und Osten Deutschlands erzählt,
in der Bundesrepublik flankiert von einem umfassenden Buch- und Filmangebot.
Niemand sollte diese Leiden ignorieren, problematisch ist jedoch die Reduzierung
der Jahre 1933-1945 auf Bomben, Flucht und Vertreibung. Das Leid der „anderen“
wurde ausgeblendet oder verdrängt und konnte sich offenbar als Erfahrung
nicht einprägen, vielleicht nur als diffuses Schuldgefühl, das
es abzuwehren galt. Im öffentlichen Leben der DDR war der Bombenkrieg
präsenter als in der Bundesrepublik: Die Flugzeuge waren schließlich
aus Großbritannien und den USA gekommen. Gedenkfeiern wurden sowohl
von der Bevölkerung als auch von der Regierung initiiert. Das nationalsozialistische
Wortkonstrukt „anglo-amerikanische Terrorangriffe“ überdauerte
in der DDR.Das in den Schulen oder Museen Erlernte legte sich wie ein Mantel über die Familiengeschichten. Um ganz andere Geschichten und Zusammenhänge ging es in der politischen Bildung: den Angriffskrieg, die Ermordung der Juden, Sinti und Roma, die Verfolgung politisch Andersdenkender, die rassistische Eingruppierung der Bevölkerung, Euthanasie und Vernichtungskrieg. Es ging auch um Menschen, die Mut bewiesen und Handlungsspielräume genutzt hatten. In den Schulen der DDR stand die Verfolgung der Kommunisten neben dem Krieg gegen die Sowjetunion im Vordergrund. Viele der nach 1945 Geborenen konfrontierten ihre Eltern mit dem Erlernten, sie identifizierten
sich mit den Opfern des Nationalsozialismus – bisweilen bis zur Distanzlosigkeit.
Weil die Blockade der Eltern gegen diese Themen so massiv war, konnte sich
kein Dialog entwickeln.Die Nachkriegsgeneration ist im letzten Jahrzehnt nachsichtiger geworden: Manche machen sich Vorwürfe, das Leiden der Eltern nicht wahrgenommen zu haben und stellen es nunmehr in den Mittelpunkt. Die Forschungsgruppe „Erinnerung und Gedächtnis“ am Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen unter der Leitung von Harald Welzer kam zu dem Ergebnis, dass die Enkelgeneration die Geschichten der Großeltern besonders kritiklos übernimmt und sie teilweise gar umdeutet: aus Mitläufern werden so Widerstandskämpfer. Historiker/innen sind angehalten, Zusammenhänge darzustellen. „Hitler bedeutet Krieg“ – so dachten viele Gegner der Nationalsozialisten schon 1933. Der Zusammenhang zwischen der Zustimmung zur NSDAP - im Jahr 1940 erreichte die Popularität Hitlers nach dem Sieg über Frankreich einen Höhepunkt - und dem Krieg muss heute immer noch betont werden. Zu einem Zeitpunkt, an dem die NPD im sächsischen
Landtag vertreten ist und einen „Rückführungsbeauftragten“
für Ausländer einsetzen möchte. Auch das gab es 1995 noch
nicht.Berlin ist der Ort, von dem am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg
ausging und im Mai 1945 in Europa beendet wurde. Berlin ist ebenso der Ort,
an dem Menschen leben, die aus aktuellen Kriegsgebieten geflüchtet
sind. Die Berliner Regionalmuseen nehmen den Jahrestag des 8. Mai 1945 zum
Anlass, über Krieg und Frieden nachzudenken. Dabei werden historische
und aktuelle Perspektiven eingenommen.Zu den ABR-Projekten des Jahres 2005 zählen Ausstellungen, Workshops, Vorträge und Begegnungen. Im Vergleich mit 1995 wird ein Methodenwechsel sichtbar; Interkulturelle Kontexte und generationenübergreifende Begegnungen sind dafür beispielhaft. Die Begegnung zwischen Flüchtlingen aus mehreren Ländern und Altersgruppen oder die Begegnung zwischen ehemaligen Zwangsarbeitern und Jugendlichen finden nicht zufällig in Bezirksmuseen statt: Regionalgeschichte bedeutet eine Annäherung der unterschiedlichen Ebenen, die allgemeine Geschichte wird konkret vermittelt.
Ein Teil der Beiträge fokussiert auf die historische Aufarbeitung der Ereignisse und lebensgeschichtlichen Bedeutungen der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre in den Berliner Bezirken. Ein weiterer Komplex spürt der Aktualität historischer Ereignisse nach – wie dem Diskurs über Flucht und Vertreibung in der Folge des Zweiten Weltkrieges in einer vergleichenden europäischen Perspektive und dem Thema Zwangsarbeit. Andere Projekte stellen die aktuelle Situation von Menschen mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt. Hier wird nach dem Erfahrungshorizont von Familien geforscht, die auf Grund von kriegerischen Auseinandersetzungen in ihren Herkunftsländern nach Berlin zugewandert sind. An einen weiteren Jahrestag wird dabei erinnert: Im Juli 1995 wurden in Srebrenica Tausende ermordet. Hannah Arendt reiste wenige Jahre nach dem Kriegsende durch Deutschland. Sie beschrieb die Abgestumpftheit der Bevölkerung, das Selbstmitleid und die Aggression gegenüber NS-Opfern. Der „Schlussstrich“ war damals bereits Thema – wie auch heute. In den Projekten der Bezirksmuseen nimmt das Erinnern in diesem Jahr daher breiten Raum ein. Mehr dazu erfahren sie, wenn Sie die titelseiten unserer Newsletter anklicken. Doris Fürstenberg, Kulturamt Steglitz-Zehlendorf |
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